Bei Bosch bis zur Rente. Das ist vorbei. Erstmals hat sich Softwareentwickler Marco Boltz, 49, mit der Rückendeckung seiner späteren Mitkandidaten Mohammed Alkhasawneh und Thorsten Ike dafür entschieden, einen Betriebsrat zu gründen. Boltz: »Das war gar nicht so einfach. Viele hatten die Sorge, dass sich eine Kandidatur negativ auf ihre Karriere auswirken könnte.«
Doch mit der Unterstützung erfahrener Betriebsräte aus dem Gesamtbetriebsrat und einer Wahlvorstandsschulung der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim konnten die Beschäftigten schließlich am 5. März 2025 ihren Betriebsrat wählen.
»Es wird einfach vieles als gegeben hingenommen«, berichtet der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Alkhasawneh, der vor sieben Jahren aus Jordanien nach Deutschland gekommen ist. Auch seine Geschwister haben weltweit Erfahrung mit verschiedenen Arbeitsbedingungen gesammelt. »Ohne Mitbestimmung und Demokratie ist jeder Beschäftigte schutzlos dem Arbeitgeber ausgeliefert«, meint der 29-jährige Softwareentwickler, der sich nun für die Kollegen engagiert.
Der 50-jährige Ingenieur Thorsten Ike ist wie seine beiden Kollegen Mitglied der IG Metall. Er hat miterlebt, wie sein älterer Bruder nach dem Großbrand in der Gronauer Papierfabrik Jass im Jahr 1990 für einen Sozialplan für die Belegschaft gekämpft hat. Die Fabrik wurde nach dem Brand jedoch nicht wieder aufgebaut.
Marco Boltz hat in Dresden erlebt, wie seine Mutter als Betriebsrätin kurz nach der Wende gemeinsam mit der Treuhand erfolgreich für ihren Betrieb gekämpft hat. Bei Bosch in den USA lernte er hingegen »hire and fire« kennen.
Obwohl sie die Erfahrungen haben, sind sie erst jetzt aktiv geworden. Betriebsrat Ike sagt: »Es muss wohl erst eine Krise kommen, um diesen Schritt zu gehen.« Einfach war dieser Schritt nicht. Denn gleich nach dem Verkauf erfolgte ein Personalabbau über ein Freiwilligenprogramm. »Wir mussten uns in Windeseile die nötigen Rechtsgrundlagen in einem Seminar aneignen, um Sozialplanverhandlungen führen zu können«, erinnert sich Boltz. Zudem steht ihnen Karoline Kleinschmidt, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall, zur Seite. »Das Betriebsverfassungsgesetz haben wir als schnelles Nachschlagewerk für unsere Bedürfnisse digitalisiert«, ergänzt Alkhasawneh.
Die 35 Beschäftigten in Hildesheim haben den Bosch-Kosmos verloren und müssen künftig ihre Arbeitsbedingungen gemeinsam mitgestalten. »Das geht nur mitbestimmt«, betonen die Betriebsräte.
Keenfinity
Juli 2025: Im Zuge der Neuausrichtung der Gebäudetechniksparte »Bosch Building Technologies“ mit weltweit 10.000 Beschäftigte wurde das Produktgeschäft für Videoüberwachungs-, Einbruchmelde- und Kommunikationssysteme im Jahr 2024 in die Keenfinitiy GmbH verlagert und im Juli 2025 an den Finanzinvestor Triton verkauft. Von dem Verkauf waren 4.300 Beschäftigte an über 90 Standorten betroffen. Bosch hat damit ein profitables Geschäft an einen Finanzinvestor verkauft, der eine Wachstumsstrategie vorgelegt hatte. Nach dem Verkauf begann die Restrukturierung der Sparte. Heute arbeiten 4.000 Beschäftigten weltweit in der Gruppe mit Sitz in München. Für die 800 Beschäftigten in Deutschland regelt eine Übergangsregelung ihre Arbeitsbedingungen.
Standort Hildesheim
Am Standort Hildesheim entwickeln 35 Softwareentwickler und Ingenieure Software und künstliche Intelligenz für Videosysteme und Sicherheitskameras. Die Beschäftigten haben dort am 5. März 2025 einen Betriebsrat gewählt.